Abraham B. Yehoshua ·

 
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Der Tunnel

 

Lesereise im November

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Mit so viel kluger Zärtlichkeit ist von tiefer ehelicher Zuneigung selten erzählt worden.

Doppiozero

Der Autor

Abraham B. Yehoshua gilt weltweit neben Amos Oz und David Grossman als wichtigste Stimme der hebräischen Gegenwartsliteratur und als Nobelpreiskandidat. Seine Stücke, Erzählungen, Essays und 14 Romane wurden in 30 Sprachen übersetzt und vielfach verfilmt. Yehoshuas Werk wurde international mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Prix Médicis étranger (2013) und dem Antonio Feltrinelli Preis (2017). Der Tunnel, eine Hommage an die Liebe seines Lebens, gilt als sein berührendster Roman.

© Dan Porges

© Dan Porges

Der Roman

Zwi ist 72, er blickt auf ein erfolgreiches Berufsleben als Ingenieur zurück, hat erwachsene Kinder, und die Liebe zu seiner Frau Dina, einer Kinderärztin, ist noch immer unverbraucht und tief. Als der Computertomograph eine winzige Atrophie der Hirnrinde zeigt, ist das ein Schock. Rächt sich, so fragt er sich, sein Desinteresse an anderen Menschen, dessen er sich plötzlich schmerzlich bewusst wird? Kommt das Vergessen vielleicht aus der Seele, nicht aus dem Hirn? Doch die Familie, vor allem Dina, ermutigt Zwi, noch einmal beruflich tätig zu werden, und so macht er statt einer Reise ins Vergessen eine Reise zu sich selbst – und in die Wüste. Dabei öffnet sich ihm, vielfältig und überraschend, noch einmal das Leben, in dem ein geheimes militärisches Bauprojekt und eine palästinensische Familie Lurias ganze Einfallskraft fordern. Ein Roman von großer Tragweite, voller Humor und Hingabe.

Zum Roman

Erscheinungsdatum: 23.09.2019

Leseprobe

Also, lassen Sie uns zusammenfassen, sagt der Neurologe.

Ja, fassen wir zusammen, flüstern beide. Die Beschwerden sind nicht vollkommen gegenstandslos. Es hat sich tatsächlich auf einem der Frontallappen eine Atrophie gefunden, die für eine leichte Neurodegeneration spricht.

Wo genau?

Hier, auf der Hirnrinde.

Es tut mir leid, aber ich sehe nichts.

Seine Frau beugt sich über die Aufnahme.

Ja, da ist etwas Dunkles, sagt sie, aber sehr klein.

Stimmt, klein, bestätigt der Neurologe, aber es kann sich ausweiten.

Kann es, Lurias Stimme zittert, oder neigt es auch dazu?

Es kann und neigt dazu.

Und in welchem Tempo?

Bei einer pathologischen Entwicklung gibt es keine verbindlichen Gesetzmäßigkeiten, und vor allem nicht,

wenn die Hirnrinde betroffen ist. Die Entwicklung hängt auch von Ihnen ab.

Von mir? Wieso von mir?

Von Ihrem Verhalten. Das heißt, von der Art, wie Sie den Kampf aufnehmen, wie Sie dagegen angehen.

Ich soll gegen mein Gehirn kämpfen? Wie denn?

Ihre Seele gegen Ihr Gehirn.

Und ich dachte immer, beides sei ein und dasselbe.

Ganz und gar nicht, weit gefehlt, bescheidet ihn der Neurologe. Wie alt sind Sie, wenn ich fragen darf?

Dreiundsiebzig …

Noch nicht, verbessert ihn seine Frau. Er greift immer vor … auf das Ende …

Na, rügt der Arzt, das ist schon mal nicht gut.

Sehen Sie, zum Beispiel die Namen, die Ihnen entfallen …

Vor allem Vornamen, beeilt sich der Patient zu präzisieren, denn Nachnamen stellen sich noch relativ verlässlich ein, aber bei den Vornamen ist es, als lösten sie sich auf, wenn ich versuche, sie zu berühren.

Also bitte, da haben Sie schon mal ein kleines Schlachtfeld.

Begnügen Sie sich nicht mit Nachnamen, verzichten Sie nicht auf die Vornamen.

Ich verzichte ja nicht, aber wenn ich mich anstrenge und nachdenke, damit sie mir einfallen, springt sie ein

und kommt mir zuvor.

Das ist nicht gut, belehrt der Arzt Lurias Frau, in diesem Fall sind Sie keine Hilfe.

Stimmt, sie gesteht ihre Schuld ein, aber manchmal dauert es einfach so lange, bis ihm ein Vorname einfällt,

dass er schon vergessen hat, was er von demjenigen eigentlich wollte.

Trotzdem müssen Sie ihm ermöglichen, selbst um das Erinnerungsvermögen zu kämpfen, nur so helfen Sie

ihm.

Sie haben recht, Herr Doktor, werde ich.

Sagen Sie, arbeiten Sie noch?

Nein. Ich bin pensioniert, seit fünf Jahren.

Und vor der Pensionierung, wenn man fragen darf?


Erst nachdem der Neurologe sich vor dem Haus von ihnen verabschiedet hat, um in seine Wohnung hinaufzugehen, merken sie, dass ein feiner aber kräftiger Sprühregenschauer über sie hinwegzieht, weshalb Luria seiner Frau vorschlägt, doch an der Bushaltestelle auf ihn zu warten, bis er den Wagen geholt hat. Aber sie lehnt ab.

Sag bloß nicht, sagt er grollend und grinst dabei, du hast plötzlich Angst, ich könnte den Wagen nicht finden.

Das habe ich weder gesagt noch gedacht, ich möchte jetzt bloß nicht irgendwo alleine warten.

Und der Regen? Erst gestern warst du beim Friseur.

Wenn du mir den großen Umschlag gibst, halte ich mir den über den Kopf.

Willst du, dass der Rest meines Hirns vom Regen weggespült wird?

Unsinn, lacht sie, der Regen wird dir gar nichts wegspülen. Komm, lass uns laufen.

Und mit verzweifeltem Elan packt sie seinen Arm und zieht ihn vorwärts.

Warum hast du ihm von den Tunneln auf der A 6 erzählt, warum ausgerechnet von denen?

Weil ich das Gefühl hatte, er fängt an, dich von oben herab zu behandeln, nachdem du gesagt hast, du arbeitest nicht mehr und gehst nur noch auf den Markt. Ich wollte deine Ehre verteidigen.

Von oben herab behandeln? Warum? Und selbst wenn, warum dann ausgerechnet die Tunnel, die sind schließlich wirklich nicht das Bedeutsamste, was ich geleistet habe.

Weil ich mich entsinne, dass du damals viel über sie geredet hast.

Über die Tunnel auf der A 6?

Ja.

Und wenn wir schon bei den Tunneln sind, warum hast du gesagt zwei und nicht drei? Denn gerade der südliche Tunnel, vor dem Anschluss der A 1 nach Jerusalem, war der kniffligste.

Es waren drei? Das wusste ich gar nicht mehr, beim nächsten Mal werde ich drei sagen.

Beim nächsten Mal wirst du gar nichts sagen, meint Luria missbilligend, diese Tunnel sind unwichtig in meinen Augen. Außerdem bin ich nicht auf Ehrbekundungen von irgendjemandem angewiesen. Hier, in der Seitenstraße haben wir geparkt.

Du irrst dich, der Wagen steht in der nächsten Straße.

Nein, genau hier. Du bist ein bisschen durcheinander.

Und tatsächlich, am Ende der kleinen Straße blinkt der Wagen seinen Besitzern treu entgegen.

Luria wirft den nass gewordenen Umschlag auf den Rücksitz und beeilt sich, den Motor zu starten, um warme Luft ins Wageninnere strömen zu lassen. Und während er sich noch anschnallt, packt ihn die Niedergeschlagenheit. Wird er von jetzt an ihrer Fürsorge ausgeliefert und sie eine Gefangene seiner Hirngespinste sein?

Trotzdem, danke, dass du ihm nichts davon erzählt hast, was im Kindergarten passiert ist.

Warum danke?

Weil er dann vielleicht schon die Empfehlung ausgesprochen hätte, mich einweisen zu lassen.

Mach dich nicht lächerlich.

Warum? Ein Großvater, der in den Kindergarten kommt, um seinen Enkel abzuholen, und stattdessen,

ohne es zu merken, ein anderes Kind mitnimmt, gehört der nicht besser eingewiesen?

Nein, weil das dort nicht alles deine Schuld war. Auch dieser Knirps … – wie heißt er noch?

Nevo …

Ja, dieser Nevo hat nach den Worten der Kindergärtnerin schon einmal versucht, sich an einen anderen

Großvater zu hängen. Vielleicht schämt er sich wegen der Philippinin, die ihn abholen kommt, oder er hat

Angst vor ihr.

Aber im Dunkel des Wagens ist Luria wild entschlossen, sich selbst zu belasten.

Ob er das versucht hat oder nicht, ist gar nicht die Frage. Die Frage ist, wieso ich nicht gemerkt habe, dass ich meinen Enkelsohn mit einem anderen Kind verwechsle, und wäre die Philippinin nicht laut schreiend hereingestürmt, um ihn mir zu entreißen, hätte ich den Kleinen am Ende noch mit nach Hause genommen und ihm etwas zu essen gemacht.

Also bitte, Zwi, mach jetzt kein Drama daraus, Noam hat ein Nickerchen im Sandkasten gemacht, als du ihn

abholen kamst, und du warst ein bisschen durcheinander, aber mehr auch nicht.

Mehr nicht?

Nein, mehr nicht. Glaub mir. Und – der Arzt hat dich gewarnt – fang jetzt nicht an, dich vor dir selbst zu

fürchten und aus Angst, du könntest Dummheiten begehen, vor dem Leben Reißaus zu nehmen. Ich verspreche dir, dass ich dir vertraue.

Doch plötzlich schüttelt es sie. Und zum Brummen des Wagens, der noch immer auf sein Kommando wartet, löst er den Sicherheitsgurt, um so in einer alt vertrauten Umarmung ihre Verzweiflung mit seiner Niederlage zu vereinen.